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Language: German
Title: Das Jahrbuch des versteckten Gartens
Place: München
Publisher: btb
Year: 2009
No. of pages: 235
Translator: Hana Hadas
Genre: Prose
Edition:
2009, btb, München
Das Jahrbuch des versteckten Gartens
Excerpt:
1.
Für gewöhnlich leuchtet der klare Himmel Ende August nicht mehr im satten Blau, sondern wird von Tag zu Tag bleicher. Im Garten fällt alle Augenblicke ein Apfel herab und die Wespen stürzen sich gierig auf ihn. Sylva sitzt auf der Decke, Cyrils Kopf im Schoß; in einiger Entfernung verscheucht der Sohn Wespen mit einem Holzscheit. Cyril wacht auf, drückt Sylvas Hand, blickt neugierig auf und fragt:
"Warum sind die Pflaumen so beschlagen? Sind sie innen etwa kalt?"
"Du fragst mich? Ausgerechnet du mich?"
Sylva legt ihre Hand auf seine Stirn und Cyril schließt die Augen. Das Kind kommt weinend an, es hat einen Stachel im Finger. Cyril rührt sich nicht, also umschließt Sylva den Sohn mit dem anderen Arm, tröstet ihn und leckt ihm die geschwollene Hand wie eine Hündin. Sie sind schon lange hier, die Tage treiben dahin wie Diamanten. Hinter dem Wald gähnt ein Moorsee mit dickem, eiskaltem Wasser, in dem sie ihr Bier kühlhalten. Sylva denkt nicht an Cyril, der sommerliche Gleichmut ist in Unruhe übergegangen. Das Kind bettelt:
"Erzähl mir etwas. Wie das letzte Mal."
Sie weiß nicht mehr, was sie das letzte Mal erzählt hatte. Cyril schläft oder stellt sich schlafend.
Sylva beginnt ihre unendliche Erzählung und der Junge unterbricht sie immer wieder:
"So ging das nicht, das letzte Mal hast du es anders erzählt."
In dem Moment, als Sylva an eine spannende Stelle kommt, zupft er an ihrem Ärmel:
"An dieser Stelle hattest du immer ein Bonbon für mich."
"Heute habe ich keins," entgegnet Sylva und das Kind beginnt lang und traurig zu weinen. Cyril tastet in seiner Tasche herum und kramt einen Kaugummi hervor. Er teilt ihn, beide kauen und hören Sylva zu.
Ich gehöre Euch, mein König. Gegen Mittag erwache ich, blicke aus dem Fenster ins Tal und sehe, wie Ihr alleine auf den labyrinthenen Wegen im großen Garten umherwandelt. Ihr bleibt stehen und schabt an der Rinde des Baums. Ihr seid so weit entfernt, dass ihr mir, wenn ich die Handfläche strecke und ein Auge schließe, auf dem Handrücken krabbelt wie eine Fliege. Es wandern auch andere umher, aber Euch erkenne ich immer an Eurem Gang und an der übergeraden Haltung, mit der Ihr Eure unzureichende Größe zu verbergen sucht. Ich kann mir Euer Gesicht nicht vorstellen. Das passiert mir immer, wenn ich verliebt bin. Es dauert Monate, bis ich mir die Gestalt, das Gesicht, die Gesten, den Blick und Ausdruck merken kann, die einen Mann charakterisieren. Ich kann mir Gesichter einfach nicht auf Anhieb merken. Zudem begegnen wir einander nur nachts. Genau genommen erahne ich eure Gestalt nur und ergänze sie mit dem, was ich zu sehen wünschte.
Wenn Ihr lustwandelt, setzen sich dressierte Vögel auf Eure Schulter. Gerne würde ich Euch begleiten. Doch Ihr behauptet, es gehe mich nichts an, wer Ihr seid, wenn ich nicht die Zeit mit Euch verbringe. Ihr sagt, Euch wäre völlige Dunkelheit am liebsten, wenn ich Euch überhaupt nicht sähe, wie Psyche - ich könnte durch meinen Blick eine falsche Vorstellung bekommen. Wenn wir einander eines Morgens begegneten, wenn ich Euch zufällig vom Fenster aus sähe, ich würde Euch nicht erkennen. Diese Vorstellung gefällt Euch. Ihr glaubt, ich könnte Euch zerstören, und Ihr wärt kein König mehr; alles, was bliebe, wäre nur noch eine gesprungene Feder, ein entrolltes Knäuel, feuchter Schnee. Glaubt ihr tatsächlich, ich hätte keine Angst?
Ich begreife Euch nicht. Es versteht sich von selbst, dass Ihr von mir nichts hört, was ich mir selbst ausgedacht oder selbst erlebt habe. Ihr würdet nachfragen, wo und wie ich zu solchen Erfahrungen kam. Ihr seid scheu und wild, ich muss aufpassen, dass ich Eure Grausamkeit nicht wecke. Wenn ich also ein Märchen erzähle, gebe ich Acht, mit niemandem Mitgefühl zu empfinden, damit ich nicht, wie Ihr meint, einen Standpunkt einnehme. Und dann wollt Ihr viel Blut und Zweideutigkeiten.
"Erzähle so, wie wenn du gerade dabei wärst, ein Stück Braten auf den Tisch zu stellen," sagt Ihr.
Ich gebe also vor, dass mich die Erzählungen nichts angingen, als ob ich Euch keine Meinung über mich oder über etwas anderes verriete. Jedesmal aber wundere ich mich, wie gleichgültig Euch jene Menschen sind, von denen ich berichte. Wie wenig habt Ihr für deren vielschichtiges Wesen übrig, wie wenig beachtet Ihr ihre Art zu Handeln! Eigentlich ebenso wenig, wie Ihr mich beachtet. Umso mehr legt Ihr Wert auf die Vollkommenheit der Form und die moralische Erkenntnis. "Der Händler schlug die Frau zusammen und sie waren glücklich bis zum Tode."
Ihr sagt, man solle so erzählen, dass sich die Leute danach richten können. Wie soll ich wissen, was Ihr wirklich denkt?
An der Neige des Nachmittags werden die Schatten länger, jedesmal zucke ich bei dem Gedanken zusammen, sie möglicherweise zum letzten Mal zu sehen. Von der Terrasse aus beobachte ich die Ornamente der verästelten, mit Kies aufgeschütteten Wege und überlege, wohin ich die Erzählung führen und wo ich sie unterbrechen soll, wo abschweifen, wohin eine neue einpflanzen. Im Vorhinein kann ich es ohnehin nicht einschätzen, ich richte mich nach dem Augenblick. Ich warte, bis am Ende des Labyrinths Eure Gestalt aus dem Dickicht auftaucht. Ihr nähert Euch der Terrasse. Ich gebe ein Zeichen, damit man mich zum Umkleiden bringt. In wenigen Augenblicken werden wir zusammen sein.
Alexander
Alexander kam nach zehn Jahren als Vertreter eines schweizerischen Pharma-Unternehmens wieder nach Prag. Er hatte sich lange darauf gefreut und erinnerte sich noch immer an den tschechischen Satz "Auf ewig mit der Sowjetunion und nicht anders." Er konnte ihn zwar genau übersetzen, aber im alltäglichen Wortgebrauch war er natürlich nicht zu verwenden. Er fand dies ein wenig schade und schämte sich dafür. Im Landesinneren war vieles renoviert und frisch gestrichen worden, doch die Ritzen in der farbigen Fassade atmeten Spannung und Vereinsamung in die Straßen hinaus. All das war unfassbar - das, was er hier vor Jahren erlebt hatte. Er begegnete niemandem, mit dem er über alles hätte reden können, er wusste auch nicht wie. Er konnte doch nicht einfach sagen:
"Euer Land sieht heute aus wie eine Atrappe, ich erkenne es aber wieder."
Selbst engen Freunden konnte er niemals erklären, was genau ihn hierher zog, warum ihn das
Schicksal der hiesigen Menschen so schmerzte, genauso wenig, wie es dazu kam, dass er Mitte der Achtziger Jahre letztendlich zehn Einreisevisa für die Tschechoslowakei besaß.
Auf den größten Teil der jetzigen Veränderungen war er stolz, als ob er selbst für sie verantwortlich gewesen wäre. Andererseits lehnte er sie ab, wie man eine störende Neuerung oder den geschmacklosen Umbau seines Geburtsortes ablehnt. Südlich von Prag wurde ihm ein Supermarkt gezeigt, den man auf dem Fundort einer heidnischen Kultstätte erbauen ließ. Man hielt es für eine gute Idee. Er hielt an, um sich die Stelle anzusehen, und als er um das Gebäude herumging, wurde er unwillkürlich Zeuge einer Versammlung von Ökologen. Auf der hölzernen Tribüne stand ein kleinwüchsiger Mann und neben ihm Sylva T.
Er hatte sie gleich erkannt, wenngleich sie ihr Haar gefärbt hatte und wesentlich dünner und größer wirkte. So etwas passiert. Alexanders frühere Frau wuchs ebenfalls nach der Entbindung, obwohl sie bereits über dreißig war. Er wollte wissen, ob der Mann auf der Tribüne neben Sylva derjenige war, der in der Zeit, in der sie sich kennengelernt hatten, im Gefängnis saß. Er hörte eine Weile lang seiner Rede zu. Außer dem Satz "Auf ewig mit der Sowjetunion..." hatte er damals nur noch "Zum Wohl!"gelernt und so verstand er nicht, warum die Leute lachten, als der Mann zu Ende gesprochen hatte. Nach der Demonstration kroch er mit Mühe auf das hölzerne Podium hinauf und lud die beiden zum Essen ein. Sylva war überrascht, ihn zu sehen und freute sich sehr.
"Letztendlich musste der Zufall eingreifen," sagte sie auf französisch.
Sie machte in diesem einzigen Satz insgesamt fünf Fehler. Alexander verbesserte sie alle, wie damals, und beide lachten. Dann sagte er zu ihr: Auf ewig mit der Sowjetunion und nicht anders. Es stellte sich heraus, dass ihr Mann Cyril zwar einige Fremdsprachen beherrschte, aber keine von ihnen sprach. Er brachte sie sich alle selbst bei, damit er einige Bücher lesen konnte. Er ging dabei so vor, dass er die unbekannten Wörter im Wörterbuch suchte. Einmal lernte er angeblich das ganze Wörterbuch auswendig. Fremdsprachen waren für ihn ein Mittel zur Erkenntnis und keineswegs ein Mittel zur Verständigung.
"Es interessiert mich sowieso nicht, was Sie erzählen, also was soll's," sagte er zu Alexander.
Danach fanden sie nur noch schwer ein Gesprächsthema. Alexander hoffte eine Weile, dass er Cyril falsch verstanden hatte, aber in Sylvas Gesichtsausdruck las er, dass er richtig verstanden hatte. Sylva streckte die Hand aus, um seinen Seidenschal mit orientalischem Muster zu berühren, der bunt war wie die Federn eines Papageis. Nur jemand mit so dunklem Teint wie Alexander konnte es sich erlauben, einen solchen Schal um den Hals und ins Hemd eingeschlagen zu tragen. Nur ein gutaussehender Kerl aus dem Maghreb.
"Den habe ich schon von klein auf," sagte er.
"Ich weiß," erinnerte ihn Sylva. Cyril zeichnete schweigend komplizierte Systeme aus Dreiecken auf die Serviette. Einige sahen aus wie kleine Guillotinen. Als Sylva fragte, was Alexander mache, erklärte er, wovon er lebte: zwar habe er nie viel von Medikamenten verstanden und sich nicht vorstellen können, dass er sein Geld als ein besserer Handelsvertreter verdienen würde, aber die Arbeit bringe ihm Freiheit. Die Chefs seien weit weg, eigentlich kenne er sie nicht einmal, und interessieren sich ohnedies nur für Ergebnisse. An eine Karriere denke Alexander nicht, ihm reiche seine Freiheit. Sylva T. und Cyril hätten nun also auch ihre Freiheit. Sie hatten sicherlich die Zeiten des Umbruchs miterlebt und es musste für sie eine Genugtuung sein.
Die ganze Zeit über hatte er das Gefühl, er würde dummes und belangloses Zeug schwatzen, er stünde irgendwie neben sich, aber er hatte keine Ahnung, warum und wie er dorthin gelangte. Sylva und Cyril waren ihm auch keine Hilfe. Er wünschte sich, dass sie aus irgendeinem Detail herauslasen, wie tief sein Empfinden ihnen gegenüber ist, wie schwer auch für ihn all das ist, was die beiden hinter sich haben, wie er ihnen die jetzigen Lebensumstände wünscht und gleichzeitig neidet, zumal sie sie nicht automatisch bei der Geburt erworben haben, sondern durch eigenen Verdienst und gerade in einem Alter, in dem man weiß, wie man sie nutzen soll.
Cyril aber machte ein Gesicht, als ob man ihm gerade einen Zahn ziehen würde, also war sich Alexander letztenendes nicht sicher, ob es nicht eher Cyril war, der ihn zu einem relativ teuren Essen einlud und es nun bedauerte. Gelegentlich gab Cyril langsam und umständlich einen Satz in die Stille ab, wie zum Beispiel:
"Ich brauche einen Zahnarzt. Verkaufen Sie nicht auch Draht zum Geradebiegen der Zähne?" und entblößte sein ungepflegtes Gebiss.
Sylva klopfte ihm daraufhin das Revers seines Sakkos ab, bis er sie verscheuchte wie eine Fliege. Beim Abschied frage Alexander Sylva nebenbei, ob er Cyril in irgendeiner Form gekränkt habe.
"Nicht doch, wir sehen alles bloß ein wenig anders als du," entgegnete sie.
"Was anders? Wie anders?" fragte Alexander.
So lange er denken konnte, sah jeder etwas irgendwie anders, und immer wieder ärgerte er sich darüber. Die Leute hier sahen ihn so flehentlich an, dass er sich verpflichtet gefühlt hatte, ihnen zu helfen. Und als er nach bestem Wissen und Gewissen geholfen hatte, standen sie ihm plötzlich feindselig gegenüber. Selbst jetzt in Freiheit beleidigten sie einander bei gutem Essen, blickten finster, spöttelten, befanden Freundlichkeit für Heuchelei, Lächeln für einen Ausdruck der Oberflächlichkeit und Interesse für Argwohn. Nichts wie fort von hier.
Alexander bezweifelte, dass die unvorteilhaften Verhältnisse schuld seien am Schicksal dieser scheußlichen Leute. Die Tschechen waren nun mal so, so wie andere Länder bespielsweise von Kannibalen bewohnt wurden. Es war ihm bereits vor langer Zeit aufgefallen, dass gerade bei diesen belesenen Leuten, deren Wissen ihn verblüffte und gleichzeitig beschämte, die feindliche Haltung am stärksten zur Geltung kam. Die mühselig erworbene Bildung erweiterte nicht ihren Horizont und es schien, dass diese Bildung sie eher verwirrte und ihre Komplexe nährte, dass sie ihnen eigentlich schadete.
Dennoch musste er hier wohl Wurzeln geschlagen haben. Darauf kam er, als er sich in den Wagen setzte und hoffte, die beiden nie wieder sehen zu müssen. Er fuhr los und im Rückspiegel sah er Sylva T., ziemlich groß und unsicher, wie sie ihrem Mann zu gefallen versucht, indem sie mit Haarfarbe und Seidenbluse das verdecken will, was sie eigentlich ist, und wie sie angestrengt die Rolle seiner Lebensgefährtin spielt, sich dabei aber durch ihre gebeugte Haltung verrät, mit der sie versucht, den Größenunterschied zwischen ihr und dem kleinwüchsigen Cyril auszugleichen. Er sah auch, dass sich Sylvas Beine ein wenig nach innen krümmten und dass sie ihre Handtasche so hielt, als ob sie jemand gebeten hätte, kurz auf seine Tasche aufzupassen. Das alles kannte er, so war sie ihm in Erinnerung geblieben. Sylva T. hatte ihm nie gefehlt, weil er nie aufgehört hatte, an sie zu denken.
Am Abend fand er in seiner Jackentasche einen Zettel mit ungleich langen Zeilen:
Das Haus zergeht in der Nacht.
Und du gehst vorbei -
Oder kehrst du zurück?
Es waren Cyrils Verse. Das behauptet zumindest Sylva. Ein paar Tage später trafen wir uns in Berlin und verbrachten einen unendlich langen Tag im Park am Großen Stern.
Marion
Ein Woche später traf ich mit den Medikamenten in Berlin ein. Ich bin zwei Drittel des Jahres unterwegs und sehe gleich vor Ort, wie sich Europa verändert. Ich höre oft, dass die Städte einander immer ähnlicher werden, dass man in neuen Stadtteilen häufig nicht erkennen kann, in welchem Land man sich aufhält, aber ich stimme dem nicht zu. Es kommt mir eher vor, so dass die Städte immer mehr zu Spielzeugen werden. Ich meine diejenigen Spielzeuge, die ich als Kind kannte, denn ich kann mir nicht vorstellen, was beispielsweise Sylvas Junge (sie hat einen Sohn) mit den Monstren anstellt, die ich in der Spielzeugabteilung der Warenhäuser sehe. Die Armen und die Reichen haben jetzt den gleichen Gesichtsausdruck, sie sind verschieden gelungene Abgüsse einiger weniger Formen. Ich weiß nicht, vielleicht kommt es mir nur so vor, weil es immer mehr Menschen in den Städten gibt. Die Großstädte werden immer mehr zu Trugbildern. Man sieht sie immer erst im Fernsehen oder auf einer Postkarte als in Wirklichkeit, und dann fällt es schwer zu glauben, dass sie echt sind. Man kann sie auch kaum für sich entdecken, wenn man bereits vorher so viel über sie weiß. Doch Landschaft, Klima, Geist, Charakter, Farben und Einwohnerzahl lassen sich nicht ändern. Städte sind unterschiedliche Spielzeuge.
Vor ein paar Jahren, kurz nach der Wende, fuhr ich mit der S-Bahn vom Osten in den westlichen Teil Berlins. Die Mauer war schon weg, aber man hatte noch nicht zu bauen, geschweige denn zu planen begonnen. Den Touristen zeigte man daher eine fünfhundert Meter breite Wunde. Mein Zugabteil war voller müder, in Kunstfaserjacken gekleideter Menschen, die alle kurz vor dem Brandenburger Tor ausstiegen. Ich fuhr drei Stationen weiter, der offen gelegten Wunde entgegen und saß alleine im Abteil, bis auf einen betrunkenen Punk. Erst im Westen, an der Station Bellevue, stiegen neue Fahrgäste ein. Wesentlich größer, sonnengebräunt und elegant waren sie. Nichts deutete darauf hin, dass sie etwas mit denen zu tun hatten, die den Zug vor kurzem verlassen hatten. Es handelte sich um eine neue Spezies von Mensch.
Der größte Unterschied bestand zwischen den Männern mittleren Alters - meines Alters. Die Männer aus dem Osten wirkten desinteressiert, waren beleibt, unrasiert und erinnerten an die blinden Bauern von Bruegel. Diejenigen aus dem Westen blickten forsch und stolz, und die Frauen drehten sich nach ihnen um. Ich sagte zu mir, dass entweder die Russen oder die Amerikaner oder beide zusammen ihre Deutschen bestrahlen, oder dass sie ihnen etwas ins Essen mischen mussten. Es ist doch ausgeschlossen, dass Nachbarn, manchmal auch Verwandte, sich trotz ein paar hundert Metern Entfernung so auseinander entwickeln konnten, bloß weil bei der einen Hälfte Mangel an Grünzeug und Freiheit herrschte.
"Das hier wird sich niemals ändern lassen," sagte ich damals laut im Zug und all die Dandys drehten sich nach mir um. Doch es reichten vier Jahre und zwei reine deutsche Rassen vermischten sie zu einer homogenen, aber unabhängigen Masse. Am Brandenburger Tor bleiben heute die Reisenden sitzen und ihre Unruhe ist wie weggespült.
In dem Jahr, in dem ich Sylva T. und Cyril nahe dem heidnischen Denkmal zum Essen einlud, lernte ich in Berlin Marion kennen. Sie war von ihrer Herkunft her Tschechin, dunkelhaarig, reizend und besaß die gleichen unbeholfenen Gesten wie Sylva. Später erzählte sie mir, sie würde öfter nach Prag fahren, um dort für eine deutsche Zeitung zu arbeiten. Sie verfasste einmal ein Interview mit Cyril. Der Artikel hieß: Von der Zukunft meiner Vergangenheit. Sylva kannte sie nicht persönlich, wenn auch später unerwartete Zufälle ans Tageslicht kamen.
Zum ersten Mal sah ich Marion durch die Scheibe eines Buchladens. Sie saß hinter der ausgeleuchteten Theke mit einem anderen Mädchen. Sie waren beide schwarz gekleidet und hatten rot geschminkte Lippen, sie bewegten sich nicht und sahen dadurch aus wie Puppen. Ich trat ein, weil ich dachte, es handele sich um einen Scherz oder ein Happening. Beide erwachten ein wenig und ehe ich mich versah, verkauften sie mir eine Neuerscheinung, die den Titel "Schahriyar" trug.
"Kommen Sie wieder und erzählen Sie uns, wie sie es fanden," sagte Marion.
Abends blätterte ich flüchtig darin. Es handelte sich (zumindest auf den ersten Blick) um ein Apokryph der Märchen aus "Tausendundeine Nacht", angesiedelt in Persien um das dritte Jahrhundert, abwechselnd erzählt von Prinzessin Schahrazad und ihrer Schwester Dinarazad.
Die Sorte von Büchern kenne ich schon. Von einigen sagt man, sie seien unterschätzt, deswegen sind sie aber nicht minder langweilig. Es enthielt ein paar hübsche Ideen: Ich erfuhr zum Beispiel, dass der König die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht von klein auf kennen musste, weil ein Teil davon von den Iranern tausend Jahre zuvor aus Indien importiert wurde, als eine Art literarischer Grundstock. Die Figur der Schahrazad selbst basierte auf einem Mythos, dessen Variante die Königin Esther war. Hätte ich aber in der Schule besser aufgepasst, könnte ich all dies schon füher gewusst haben.
Am nächsten Morgen sagte mir ein Kunde ab. Erst in vier Tagen sollte ich in Nancy sein und die freie Zeit ließ sich hier in Berlin angenehmer vertreiben. Ich glaube, es standen irgendwelche Feiertage vor der Tür. Ich kam auf den Gedanken, Marion im Buchladen zu besuchen, aber sie war nicht dort. Das andere Mädchen, die Verkäuferin, erklärte mir, dass es sich gestern nur um die Freundin gehandelt habe, die vorbei kam, um etwas zu fragen, sie arbeite hier nicht. Irgendwie konnten wir uns nicht verständigen - ich konnte nicht die richtigen Worte finden und sie war nicht bereit, mir zu helfen. Daraufhin sagte ich ihr, ich hätte mir gestern einen gestandenen Blödsinn gekauft, den ich nun gerne gegen einen ordentlichen Krimi tauschen würde.
"Es heißt Schahriyar."
Die Verkäuferin fragte in einem aggressiven Tonfall, ob ich gerne mein Geld zurück hätte, denn sie würden keine Krimis führen. Das Buch hätte eben Marion geschrieben und es verkaufe sich wunderbar, wie sie ihr gestern freudig mitteilen hätte können. Natürlich sei nicht jeder in der Lage, es angemessen zu würdigen. Für Marion bedeute der Erfolg viel, denn dann könne sie aufhören, sich in Selbstbedienungsläden, Galerien und Ähnlichem durchzuschlagen und könnte nur schreiben. Sie hätte Talent. Ich verabschiedete mich und beim Gehen schlug ich vor, dass ich Marion gerne treffen würde, um sie einige Sachen zu fragen. Die Verkäuferin hörte auf, mich zu belehren und ein freundliches, demokratisches Lächeln umhüllte ihr Gesicht, welches man nur im westlichen Teil Berlins beobachten kann. Sie teilte mir mit, Marion würde zwei Blocks weiter arbeiten, an der Ecke zur Hexenstraße und würde sich sicherlich freuen, mich zu treffen. Ratlos fand ich mich an der Ecke im eisigen Wind wieder. Ich hatte keine Lust auf einen feministischen Vortrag, aber andererseits nahm der Tag diesen bestimmten Lauf und es wäre schade gewesen, ihn zu ändern. Marion denkt, damals am Schaufenster des Buchladens wäre ein gewisser Funke des Vertrauens zwischen uns gesprungen, den ich innerlich zu verfolgen gezwungen war, aber in Wahrheit wusste ich nicht, was ich mit der freien Zeit anfangen sollte. Ich fand sie in einer kleinen, leeren Gallerie mit langweiligen Bildern und hoffte, diese wären nicht auch noch von ihr. Sie kam mir nicht so hübsch vor wie das erste Mal, aber ich war nicht enttäuscht. Wir gingen in ein Lokal, irgendwo in Charlottenburg, in ein Bierlokal, in dem alles, vom Parkett über die Kellner bis zu den Tellern alles um ein Drittel größer war, als nötig. Berlin! Alexander, der Gulliver im Reich der Riesen. Darüber musste Marion lachen. Hierher kamen Leute aus der noblen Nachbarschaft. Marion machte mich auf ein Paar aufmerksam, welches angeblich garantiert aus dem Osten käme. Der junge Mann und das Mädchen waren gleich groß und gepflegt wie die anderen, genauso voller Sorge, ob sie den anderen mit ihrer Anwesenheit nicht zur Last fielen.
"Woran erkennen Sie das?" fragte ich. "An der Aussprache, oder verwenden sie andere Wörter? Etwas aus dem Russischen?"
"An den Schuhen," sagte Marion und deutete auf zwei Paar schmutzige Turnschuhe aus Kunstleder. "Da kann man nicht irren."
Die Hauptrolle an diesem Nachmittag spielte ihre dunkle Sonnenbrille. Marion war ständig damit beschäftigt, sie abzusetzen, um sie anschließend gleich wieder aufzusetzen, und dieses Theater hinderte mich daran, dem zu folgen, was sie eigentlich erzählte. Unangenehm war auch, dass auch sie kaum zuhörte, was ich erzählte, sie fragte nicht nach, und wenn hinter der Brille ihre Augen zum Vorschein kamen, schoss ihr Blick durch den Raum, wo sich offenbar jemand befand, der fesselnder war als ich. Gewiss erwartete sie nicht, dass ich sie unterhalte. Im Gegenteil, kaum setzte ich zum reden an, fiel sie mir in die wenigen Worte, die ich bereithielt, um mich darüber zu belehren, wo überall sie bereits gearbeitet hatte oder dass der Mensch drüben an der Bar vermutlich statt des linken Beins ein Prothese trage. Eine Weile begann ich ihr völlig ohne Zusammenhang von irgendeinem alten Film zu erzählen, aus reiner Wut darüber, dass ich weder in der Lage bin, sie zu unterhalten, noch sie sitzen zu lassen und fortzugehen.
Es handelte sich um die allerersten in Farbe gedrehten Dokumentaraufnahmen von den Amerikanern im Jahre 1944, nach der Aussetzung der Truppen in der Normandie. Kolonnen von amerikanischen Transportern durchquerten die französische Landschaft, die von Pappeln umsäumten Straßen und die mit Glyzinien überwucherten mittelalterlichen Städtchen. Die Soldaten in den Jeeps sahen nicht anders aus wie später in Vietnam oder im Persischen Golf. Khakifarbene Hemden mit umgeschlagenen Ärmeln, Schutzhelm, Kaugummi. An den Straßen standen Frauen in schwarzen Kleidern mit Kindern und am Hauptplatz Herren mit Hut und Uhr in der Jackentasche, junge wie alte. Wie verhext beobachteten sie diese Entsandten einer anderen Welt, die Ritter des neuen Zeitalters. Wenn vor dem Wirtshaus eine fliegende Untertasse gelandet wäre - sie würden genauso glotzen.
Der Soldat, der Herr mit der Taschenuhr und der amerikanische Filmemacher sahen jeweils etwas anderes. Es war ein Querschnitt der Schicksale, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten. In diesem einen Augenblick schossen sie aneinander vorbei wie fliegende Sterne.
"Ist Euch denn klar, was für unglaubliche Dinge passieren, während wir hier sitzen? Als es einst zum Urknall kam, flogen Teile der Welt in alle Richtungen. Ich suche sie, finde sie und versuche aus ihnen das ursprüngliche Bild zu schaffen, auch wenn es immer unvollendet bleibt. Gott schlug mit der Faust in die Welt ein, weil er sie zerstören wollte, oder einfach nur deshalb, weil er spielen wollte. Ich sehe Teile von Atlantis in den Augen der unterschiedlichsten Kreaturen, mit denen ich meine Träume teile, wie auch das Wohlgefallen am Sommerregen oder jenes an unwillkürlich enthüllten Gesichtern. Wir sind nicht alle aus dem gleichen Material. Die alte Welt hatte ihre Klippen, Märchen, Erzadern und Scherben. Am Griff könnt Ihr erkennen, wie der Krug geformt ist."
Habe ich das gelesen, gehört oder beides? Wessen Worte waren das?
"Ist das so in Berlin? Unterhalten sich die Leute hier so?" fragte ich.
"Ich weiß nicht. Mit mir spricht kaum jemand. Oder ich unterhalte mich nicht. So etwas lässt sich nicht auseinander halten."
Ich wollte sie nach Hause begleiten, aber in der Tür stießen wir auf ein paar von ihren Bekannten. Sie wollte mit ihnen weiterziehen. Und dann sagt sie, dass sich keiner mit ihr unterhält! Ich verabredete mich mit ihr auf den nächsten Tag und kehrte ins Hotel zurück. Ich schlug nochmal ihr Buch auf und las es diesmal aufmerksamer, in der Hoffnung, mehr über Marion zu erfahren, als zwischen Bierkrügen und Tellern voll von Zwiebelsuppe.
Übersetz. bei .



